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Ausschreibung Geschichtszeichen

Früher hat die Geschichte gesprochen, heute ist sie stumm. Hegels Weltgeist konnte vernünftig verstanden werden: Das a priori war das a posteriori und was nicht vernünftig war, war eben keine Geschichte. Die Geschichte informierte die Philosophie; ihr Sinn, ihre Richtung mögen verborgen gewesen sein, doch konnte sie gefunden und verstanden werden. Zuvor suchte Kant prominent nach einem Geschichtszeichen. Dass er danach suchen musste, heißt, dass die Antwort auf die Frage nach der Geschichte ungewiss war. Die Moderne, wird Foucault darüber sagen, ist wesentlich eine Frage. Die alte Ontologie war noch durch antike Metaphysik und Bibelstudium abgesichert. Kant wollte die Geschichte lesen lernen, wollte wissen, ob sich die Geschichte im Ganzen zum Guten oder zum Schlechten entwickelt. Dafür nahm er den fingierten Standpunkt der kopernikanischen Wende ein, die die Sonne ins Zentrum des Universums setzte und damit einen Standpunkt schuf, von dem aus die Bewegung der Planeten verstehbar wurde – von der elliptischen Flugbahn der Erde aus erscheinen die Flugbahnen der anderen Himmelskörper bloß chaotisch. Analog in der Geschichte: Wie soll sie im Ganzen überblickbar sein, wenn der Beobachter mittendrin steht? Da wir – genauso wenig wie auf der Sonne – außerhalb der Geschichte stehen können, fragt Kant nach einem unserer Erfahrung zugänglichen Ereignis in der Geschichte, das uns darauf schließen lässt, wie das Sonnensystem vom Standpunkt der Sonne aus, mithin die Geschichte vor dem Richterstuhl der Vernunft, aussähe. Anders gefragt: Gibt es ein Ereignis in der Geschichte, das belegt, dass die Geschichte notwendig zum Besseren fortschreitet? Gäbe es ein solches Ereignis, dann handelte es sich nach Kant um ein ›Geschichtszeichen‹: ein Zeichen für die Geschichte als Ganze. Und tatsächlich: die Geschichte lässt sich lesen und das gesuchte Zeichen ist die Begeisterung der Zeitgenossinnen Kants für die Französische Revolution. Diese zeige den sittlichen Fortschritt des Menschengeschlechts, der durch keine kontingenten Geschichtsverläufe mehr rückgängig zu machen sei. Auf Dauer werde sich der Wunsch nach Selbstbestimmung, der Ausgang aus der Unmündigkeit durchsetzen: fanatisch sei der Wille der Menschheit, die Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen. Die Geschichte schreitet voran, Kant lebte im Zeitalter der Aufklärung: Der Ausgang aus der Unmündigkeit war im Gange.

Etwa 60 Jahre später, 1848, liest die Geschichte sich jedoch anders. Nicht die Sittlichkeit des Menschengeschlechts schritt fort, sondern die Produktivkraft. Im Schoße der alten Gesellschaft keimte die neue – und plötzlich erschien die ganze Geschichte als eine von Klassenkämpfen. Schließlich sah 1941 auch Benjamins ›Angelus Novus‹ die Geschichte im Ganzen und das Echo des fortschreitenden Menschengeschlechts verhallte als Gleichschritt der Faschisten.

Die Geschichte war immer lesbar, ob sie versprach oder schaudern ließ – und plötzlich verstummte sie. Die bürgerliche Philosophie begriff sich als Durchgangsstadium, als Seil, gespannt zwischen Mittelalter und Freiheit. Noch die Oktoberrevolution 1917 begriff sich als ein solcher Übergang, diesmal allerdings zwischen alter Welt und neuem Menschen. Doch spätestens 1991 verschwand das Subjekt der Befreiung. Als der Vorhang fiel, verließ die Geschichte die Bühne, Fukuyama verkündete ihr Ende und seitdem herrscht Stille.

Doch das ist fast 30 Jahre her und es stellt sich die Frage, ob diese Wahrheit nicht auch ein Verfallsdatum besitzt. Wie steht es heute um die Geschichte? Denker wie Badiou verkünden angesichts des arabischen Frühlings die Rückkehr der Geschichte. Wie lasen die Philosophinnen die Geschichte? Oder war sie nie lesbar und von den Kirchenvätern bis Adorno fanden alle nur, was sie selbst hineingelegt hatten? Vielleicht war auch die Idee, man könne die Geschichte lesen, wenn man sie stattdessen machen könnte, schon immer eine bürgerliche Verfehlung? – Oder bedarf es nur des richtigen Zeichens? Wir freuen uns über Beiträge zu diesen und verwandten Fragen.

Informationen zur Einreichung von Beiträgen

Aufsätze und Essays mit einer Länge von 10.000 bis 30.000 Zeichen sowie kurze Buchbesprechungen, Rezensionen von Aufsätzen, Filmen, Ausstellungen und ähnliche Formate könnt ihr bis zum 31. Oktober 2019 bei uns einreichen: lointain@dlist.uni-frankfurt.de

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