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Ausschreibung Diktatur

Ging man zu Beginn dieses Jahrhunderts noch von einem steten Zuwachs an Demokratie und politischer Freiheit in der Welt aus, so weist der Trend heute in die entgegengesetzte Richtung: In demokratischen Staaten setzen autoritäre Regierungen den Rechtsstaat außer Kraft, bestehende Diktaturen weiten ihre Repressionen aus und Rebellionen gegen autokratische Herrschaft werden blutig niedergeschlagen. Wo Diktatoren hingegen durch Interventionen gestürzt wurden, die angeblich der Freiheit dienen sollten, sind Bürgerkriege und Räume terroristischer Willkürherrschaft entstanden.

Etwa vor dem Hintergrund des massiven Zuspruchs für rechtspopulistische Kräfte oder der antidemokratischen Durchsetzung ökonomischer Zwangsmaßnahmen wie beispielsweise im Zuge der Eurokrise stellt sich aber auch hinsichtlich der gesellschaftlichen und politischen Verfasstheit vieler freiheitlicher Staaten die Frage, ob hier nicht eine gegenläufige Tendenz zum harmonischen Narrativ der liberalen Demokratie zu beobachten ist.

Muss davon ausgegangen werden, dass die Diktatur heute wieder den Fluchtpunkt vieler politischer Entwicklungen in der Welt bildet? Wie lassen sich diese Entwicklungen erklären und miteinander in Beziehung setzen? Und weshalb versagt die Wirklichkeit politischer Freiheit immer wieder, auch die Bedingungen ihrer eigenen Aufrechterhaltung zu schaffen? Oder beruht diese Diagnose vielleicht von vornherein auf einer fehlgeleiteten Konzeption des Gegensatzes von Diktatur und Freiheit?

Denn glaubt man aus dieser Perspektive an einen Fortschritt der Freiheit in der Geschichte, wird man in autoritären Regierungen und Diktaturen Erstarrungen dieses Fortschritts sehen, die aufgebrochen werden müssen, um der Freiheit Platz zu schaffen. Dass Regime demokratisch gewählt werden, die offen die Unfreiheit befördern, wird man zugleich nur für eine Paradoxie der Freiheit halten können. Mit Nietzsche lässt sich zurückfragen: Für welche Art des Lebens stehen die ein, die in der Welt wesentlich einen Kampf von Diktatur und Freiheit ausgetragen sehen? Mit Marx lässt sich antworten: für die bürgerliche Gesellschaft.

Benötigen wir womöglich also einen anderen Begriff der Diktatur? Denkt man etwa an die Sprache, so scheint die Diktatur hier nicht das Gegenteil der Freiheit, sondern die Voraussetzung für Zivilisation zu sein: Die Grammatik ist diktatorisch, sofern nicht ich Signifikant und Signifikat verbinde; wir müssen uns unterwerfen und die Diktatur der Grammatik aktualisieren, wenn wir überhaupt miteinander sprechen wollen. Selbst die Aufklärung ist totalitär, wie es in der Dialektik der Aufklärung heißt. Auch ein gegen die Aufklärung gerichtetes Argument muss in seiner Form vernünftig sein, sonst ist es ungültig. Die Aufklärung hat gesiegt, sobald sie antritt.

An Stelle der Freiheit könnte der Gegenbegriff zur Diktatur das Racket sein: Banden, Gruppierungen oder Kartelle, die ihre Interessen mit bloßer Gewalt durchsetzen. So ist es auch allzu oft die Herrschaft des Rackets, in die sich die übriggebliebene Freiheit verwandelt, wenn ein diktatorisches Regime gestürzt wird.

Was kann die Philosophie beitragen, um die „betäubende Vieldeutigkeit“ (C. Schmitt) des Diktaturbegriffs zu erhellen? Und inwiefern taucht das Diktatorische in der Philosophie selbst auf? Ist nicht Autonomie seit jeher ein Weg, die Freiheit des Subjekts mit der unbedingten Verbindlichkeit allgemeiner Gesetze zusammenzudenken? War die blinde Anarchie nicht stets ein der Diktatur ebenbürtiges Schreckensbild, gerade weil sie der Nährboden der Rackets ist? Oder fehlt nicht nur das richtige Racket, die Diktatur des Proletariats, um uns von der Diktatur der Freiheit zu befreien? Insofern bedürfte es einer Dialektik der Diktatur, die der Einsicht verpflichtet ist, dass der Ruf nach Freiheit abstrakt und machtlos ist und im schlimmsten Fall Partei für die der Diktatur an Gewalt nicht nachstehenden Rackets ergreift.

Informationen zur Einreichung von Beiträgen

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